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====== Reha Ablehnung ======
Wenn jemand Krankengeld bekommt, prüft die Krankenkasse, ob eine medizinische Rehabilitation helfen kann, die Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen. Wenn die Krankenkasse das denkt, muss der Versicherte einen Reha-Antrag stellen [[law:sgb_5:51#abs_1|§ 51 SGB V]]. Dieser Antrag ist auch ein Antrag auf Erwerbsminderungsrente [[law:sgb_6:116#abs_2|§ 116 Abs. 2 SGB VI]], wenn die Voraussetzungen dafür erfüllt sind.
Wenn der Reha-Antrag nicht innerhalb von zehn Wochen gestellt wird, kann die Krankenkasse das Krankengeld einstellen. Während der Reha zahlt normalerweise die Deutsche Rentenversicherung Übergangsgeld. Das Krankengeld wird in dieser Zeit nicht gezahlt. Nach der Reha prüft die Krankenkasse, ob die Arbeitsfähigkeit wieder da ist oder ob weiterhin Krankengeld gezahlt werden muss.
Das Dokument [[https://www.krebsgesellschaft.de/arbeitsgemeinschaften/aso.html?file=files/dkg/deutsche-krebsgesellschaft/content/pdf/Sektion%20B/arbeitshilfe-fuer-sozialdienste-und-beratungsstellen.pdf&cid=92899|Die Aufforderung der Krankenkasse zum Antrag auf Rehabilitation verstehen -- Arbeitshilfe für Sozialdienste und ambulante Beratungsstellen]] gibt wichtige Informationen dazu, auch wenn es sich auf Krebserkrankungen konzentriert.
===== Gegenwehr ======
Hier sind meine Tipps für das Vorgehen:
* [[recht:sozialrecht:widerspruch|Widerspruch]] bei der Krankenkasse einlegen und Akteneinsicht beantragen.
* Eine Begründung für den Widerspruch schreiben.
* Spätestens nach zehn Wochen den Antrag bei der DRV stellen.
* Die Argumente und Bescheinigungen aus dem Widerspruch nutzen, um der DRV zu zeigen, dass eine Reha nicht möglich ist.
Gegen die Forderung, einen Reha-Antrag zu stellen, kann Widerspruch und später Klage eingelegt werden. Diese haben normalerweise aufschiebende Wirkung. Das bedeutet, dass das Krankengeld bis zur Entscheidung weitergezahlt werden muss. Es besteht aber das Risiko, dass das Krankengeld zurückgezahlt werden muss, wenn Widerspruch oder Klage nicht erfolgreich sind.
Da der Widerspruch wahrscheinlich abgelehnt wird, sollte spätestens nach zehn Wochen ein Antrag auf medizinische Rehabilitation bei der Deutschen Rentenversicherung gestellt werden. Der Antrag kann mit Argumenten und ärztlichen Bescheinigungen belegt werden, dass eine Reha zurzeit nicht möglich ist. Die folgende Stellungnahme sollte zusammen mit dem Antrag an die DRV geschickt werden.
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte erklären, warum ich in meiner aktuellen gesundheitlichen Situation eine Rehabilitationsmaßnahme nicht für hilfreich halte. Ich denke, dass ich nicht rehabilitationsfähig bin.
[...Hier folgen die Argumente aus dem Widerspruch...]
===== Argumente =====
Hier sind Argumente, die man nutzen kann, wenn die Krankenkasse eine Reha anordnet, die man für nicht sinnvoll hält.
In der Argumentation mit der Krankenkasse können folgende Punkte erwähnt werden:
* Keine Rehafähigkeit \\ Die Voraussetzungen und Ziele der Reha-Richtlinien (§9 und §10) sind bei mir nicht erfüllt.
* Keine Evidenz / Verschlechterung durch Therapie \\ Es gibt keine medizinischen Beweise dafür, dass eine Reha in meinem Fall hilfreich ist. In der Fachliteratur wird sogar ein Risiko für die Gesundheit der Patienten gesehen. Somit ist § 63 SGB I nicht erfüllt und es gibt keine Mitwirkungspflicht gemäß § 65 (2).
* Keine geeignete Einrichtung in meiner Nähe.
* Persönliche Gründe.
==== Keine Rehabilitationsfähigkeit ====
Mögliche Gründe, warum keine Rehabilitationsfähigkeit vorliegt:
* Die Anfahrt zur Reha übersteigt meine Kräfte.
* Ich habe keine Kraftreserven.
* Ich kann im Essenssaal nicht essen.
* Nach einer kurzen Therapieeinheit merke ich, dass ich für den Rest des Tages keine Energie mehr habe.
Ein Arzt kann am besten die Reha-Unfähigkeit bestätigen.
==== Keine Evidenz / Verschlechterung des Zustandes durch Therapie ====
Bei einer Reha kann es durch meine Krankheit zu einer Verschlechterung kommen. Daher sind die Voraussetzungen für eine Heilbehandlung gemäß § 63 nicht erfüllt und es gibt keine Mitwirkungspflicht gemäß § 65 (2).
Die folgenden Belege zeigen, dass die Therapien in Reha-Einrichtungen nicht ausreichend untersucht sind. Die Teilnehmer an einer Reha sind somit wie Versuchskaninchen und riskieren ihre Gesundheit.
Mögliche Belege:
Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Erschöpfungssyndrom (ME/CFS) \\
Aktueller Wissensstand: N21-01 1.0, Datum: 17.04.2023 \\
IQWiG-Berichte – Nr. 1539 \\
https://www.iqwig.de/download/n21-01_me-cfs-aktueller-kenntnisstand_abschlussbericht_v1-0.pdf
Handlungsempfehlungen: \\
[...] \\
Es sollte untersucht werden, ob aktivierende Therapien nützlich oder schädlich sind. Eine Studie zu einem Rehabilitationskonzept für ME/CFS hat bereits begonnen. \\
Da es keine ausreichenden Studienergebnisse gibt, sollten Entscheidungen immer gut informiert getroffen werden.
[...] \\
Seite 197: \\
Einige Patienten berichten, dass aktivierende Therapien während einer Reha zu gesundheitlichen Verschlechterungen führen. Es bleibt unklar, warum diese Berichte nicht untersucht wurden.
Interdisziplinäres D-A-CH Konsensus-Statement zur Diagnostik und Behandlung von ME/CFS \\
https://link.springer.com/article/10.1007/s00508-024-02372-y \\
Menschen mit ME/CFS reagieren anders auf Therapien als Menschen mit Depression oder Burnout. Aktivitäten verschlechtern den Zustand von ME/CFS-Betroffenen, während andere davon profitieren. Für ME/CFS wird „Pacing“ statt Aktivierung empfohlen.\\
[…]\\
Das Ziel von Pacing ist nicht, die Leistungsgrenzen zu erhöhen. Daher sind Reha-Kliniken, die sich auf Aktivierungstherapien stützen, bei ME/CFS nicht sinnvoll.
„Der Reha-Gedanke muss bei dieser Erkrankung neu gedacht werden“ \\
Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen, \\
Volume 188, 2024, Pages 14-25, ISSN 1865-9217 \\
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1865921724000928 \\
„Reha-Erfolg\\
Viele Teilnehmer berichteten von einer Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes nach der Reha. Im Durchschnitt berichten Teilnehmer eine Verschlechterung um -17%.“\\
\\
„Schlussfolgerungen \\
Standard-Reha-Konzepte sind oft nicht geeignet für Patienten mit Post-COVID-Syndrom. Rehabilitationsziele sollten individuell angepasst werden und Pacing muss im Vordergrund stehen.“
Das Handbuch ME/CFS -- Patientenzentrierte Versorgung und interprofessionelle Handlungsempfehlungen von Lotte Habermann-Horstmeier, 1. Auflage, ISBN: 9783456862828 \\
Seite 202: \\
In einer Studie gaben nur 4,1 % der ME/CFS-Patienten an, dass sich ihr Zustand durch einen Aufenthalt in einer Reha verbessert hat, während er sich bei 41,1 % verschlechterte.
S1-Leitlinie Long/ Post-COVID - Living Guideline \\
https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/020-027:
Seite 52:
Frage: Gibt es Patient*innen mit Post-COVID-Syndrom, die nicht rehabilitationsfähig sind?\\
\\
Bevor eine Rehabilitation beginnt, sollten die Symptome wie starke Einschränkungen untersucht werden. Oftmals ist die Belastbarkeit nicht hoch genug, um eine Reha durchzuführen.
S2k-LL COVID-19 und (Früh-) Rehabilitation \\
https://register.awmf.org/assets/guidelines/080-008l_S2k_COVID-19-und-Frueh-Rehabilitation_2024-01.pdf
Seite 34:
Wenn CFS/ME vorliegt, kann der Bell-Score verwendet werden, um die Schwere der Einschränkungen zu dokumentieren. Bei starken Einschränkungen ist oft keine ausreichende Belastbarkeit für eine Reha gegeben.
Evaluation eines Modells für die Versorgung von MY/CFS-Patienten [[https://www.amjmed.com/article/S0002-9343(26)00668-6/fulltext|Artikel im American Journal of Medicine]]
Zusammenfassung
Ein fünfwöchiges Programm für ME/CFS-Patienten zeigte keinen Vorteil für die körperliche Funktion. Viele berichteten von einer Verschlechterung durch das Rehabilitationsprogramm. 45 % hatten nach der Reha einen schlechteren Bell-Score.
Die Autoren zweifeln den Nutzen stationärer Rehabilitation bei ME/CFS an.
Postinfektiöse Erkrankungen: Versorgung, Dateninfrastruktur, Forschung und Prävention (Leopoldina, Nationale Akademie der Wissenschaften)
https://www.leopoldina.org/fileadmin/user_upload/Dokumente/2026_Leopoldina-Stellungnahme_Postinfekti%C3%B6se_Erkrankungen.pdf
Seite 21:
Patienten mit PEM (ein Merkmal von ME/CFS) können durch Rehabilitationsmaßnahmen geschädigt werden. Daher müssen Betroffene oft gekämpft werden, um unangemessene Therapien abzulehnen. Auch bei angepassten Reha-Maßnahmen fehlen Nachweise zu ihrer Wirksamkeit.
===== Gesetzliche Rahmenbedingungen =====
* [[law:sgb_1:63|§ 63 SGB I]] Heilbehandlung \\ Wenn man wegen Krankheit Sozialleistungen will, muss man sich einer Heilbehandlung unterziehen, wenn sie helfen kann.
* [[law:sgb_1:65|§ 65 SGB I]] Grenzen der Mitwirkung \\ (1) Die Mitwirkungspflichten bestehen nicht, wenn \\ 1. […] \\ 2. ihre Erfüllung nicht zumutbar ist oder \\ 3. […] \\ \\ (2) Behandlungen, bei denen ein Risiko für Leben oder Gesundheit bestehen kann, können abgelehnt werden.
* [[https://www.g-ba.de/richtlinien/23/|§ 9 Rehabilitationsfähigkeit, Reha-RL (Stand 2025)]] \\ Person muss körperlich und psychisch fit genug sein, um an der Reha teilnehmen zu können.
* [[https://www.g-ba.de/richtlinien/23/|§ 10 Rehabilitationsprognose und Rehabilitationsziele, Reha-RL (Stand 2025)]] \\ Prognose für den Erfolg der Reha muss medizinisch begründet sein.
==== Weitere Informationen ====
__[[https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=LSG%20Bayern&Datum=19.05.2025&Aktenzeichen=L%2020%20KR%20186/23|LSG Bayern, 19.05.2025 - L 20 KR 186/23]]__
Reha-Anforderung der Krankenkasse nur mit Gutachten.
__[[https://www.sozialgerichtsbarkeit.de/entscheidungen/89226|Bundessozialgericht B 1 KR 32/13 R, 16.12.2014]]__
Der Widerspruch gegen eine Aufforderung der Krankenkasse zur Reha muss innerhalb der Frist gestellt werden. Wenn die Aufforderung später rechtkräftig ist, kann das Krankengeld entfallen.
__[[https://www.youtube.com/watch?v=V5wneRVCAtU|SovD: Zu krank für die Reha: Was sage ich der Krankenkasse?]]__