Für einen Teil der ME/CFS-Community ist das Bio-psycho-soziale (BPS) Modell ein Reizthema. Dieser Beitrag soll die Grundidee des Modells in einem ausgewogenen Licht darstellen.
Das biopsychosoziale Modell beschreibt Krankheiten als Ergebnis des Zusammenspiels biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. Es ergänzt damit das rein biomedizinische Modell, das von einfachen Ursache-Wirkungs-Beziehungen auf körperlicher Ebene ausgeht.
Die folgenden bewusst vereinfachten Beispiele verdeutlichen die Grundlogik. Auch wenn das Model vermeidet, die einzelnen Bereiche zu Gewichten, nutzte ich die Gewichtung zur Verdeutlichung der Aussagen. Die Gewichtungen sind nicht allgemein gültig, sondern sie hängen von der jeweiligen Situation ab und können sich im Krankheitsverlauf verändern.
Armbruch
Panikstörung
Burn-out
Von Betroffenen wird das Model oftmals so gesehen, dass psychologische Faktoren automatisch im Vordergrund stehen oder sogar als primäre Ursache einer Erkrankung gelten. Diese Wahrnehmung wird primär durch Ärzte geprägt, die das Model fehl anwenden. Ein Teil der Ärzte nutzt das Model nicht als ganzheitlichen Rahmen sondern als Instrument um komplexe Krankheiten auf die „Psyche“ zu reduzieren. Dies widerspricht dem Grundgedanken des Model, biologische Prozesse ernst zu nehmen und gleichzeitig den Umgang mit der Erkrankung sowie die sozialen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen.
Im Zusammenhang mit ME/CFS haben sich zwei gegensätzliche Sichtweisen entwickelt.
Viele Betroffene haben erlebt, dass ihre Erkrankung so eingeordnet wurde:
Dies führte häufig zu Therapieempfehlungen wie Graded Exercise Therapy oder ausschließlich kognitiver Verhaltenstherapie. Nicht selten werden Symptome relativiert oder als eingebildet beziehungsweise simuliert dargestellt. Diese Sichtweise erschwert eine angemessene medizinische Versorgung, verstärkt Stigmatisierung und verzögert die biomedizinische Forschung.
Als verständliche Gegenreaktion auf dass komplett auf „Psycho“ ausgerichtete Krankheitsbild, entstand unter einigen Betroffenen die gegenteilige Haltung, in Form einer ausschließlichen biologischen Einordnung.
Psychologische Unterstützung zur Bewältigung der Krankheitsfolgen wird in diesem Kontext häufig abgelehnt. In der Diskussion entsteht so ein stark polarisiertes Bild von Biologie gegen Psychologie.
Keins der Entweder-oder-Modelle wird ME/CFS gerecht. Niemand kennt aktuell die exakte Gewichtung der Faktoren, doch beide Extreme sind unzutreffend. Ein differenzierteres Verständnis könnte beispielsweise so aussehen:
Bettina Grande (Dipl.-Psych., Psychologische Psychotherapeutin) im Spiegel-Artikel:
Zum biopsychosozialen Modell in Bezug auf ME/CFS sage ich als Psychotherapeutin Folgendes:
Wenn sich Ärzte und Wissenschaftler um biologische Faktoren kümmern und Behörden und Krankenkassen dafür sorgen würden, dass die sozialen Faktoren weniger verheerend wären, dann würde für meine Berufsgruppe nur sehr wenig übrig bleiben.
Das biopsychosoziale Modell ist ein neutrales Model. Wie es genutzt wird, liegt in der Hand der Nutzer. Der vorherige Abschnitt zeigt, wie man es missbrauchen kann.
All das darf aber nicht dazu führen, dass das Modell komplett abgelehnt wird. Abgelehnt werden muss die missbräuchliche Nutzung des Modells.
Die positiven Effekte zeigen sich z.B. bei der Nutzung des Modells in der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF).