Zum Hauptinhalt springen

Dies ist eine alte Version des Dokuments!


Erwerbsminderungsrente bei ME/CFS

Eine Erwerbsminderungsrente (auch EM-Rente genannt) kann Menschen absichern, die wegen Krankheit oder Behinderung nur noch eingeschränkt arbeiten können. Bei Myalgischer Enzephalomyelitis / Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) zählt nicht die Diagnose allein, sondern das festgestellte Leistungsvermögen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Zusätzlich prüft die gesetzliche Rentenversicherung versicherungsrechtliche Voraussetzungen. Dieser Artikel erklärt die Grundregeln in Deutschland und ersetzt keine individuelle Rechts- oder Sozialberatung.

Das Wichtigste zuerst

Wenn du eine Erwerbsminderungsrente erwägst, lass die Versicherungszeiten und mögliche Antragswege bei der Deutschen Rentenversicherung (DRV) prüfen. Medizinische Unterlagen sollten möglichst konkret beschreiben, welche Tätigkeiten in welchem Umfang möglich sind und welche Folgen Belastung hat. Für eine Entscheidung werden medizinische und versicherungsrechtliche Voraussetzungen getrennt geprüft.

Wann liegt Erwerbsminderung vor?

Nach § 43 SGB VI richtet sich die Beurteilung grundsätzlich danach, wie viele Stunden eine Person unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes täglich arbeiten kann:

  • Weniger als drei Stunden: volle Erwerbsminderung.
  • Mindestens drei, aber weniger als sechs Stunden: teilweise Erwerbsminderung.
  • Mindestens sechs Stunden: nach dieser Grundregel keine Erwerbsminderung.

Diese Stundengrenzen allein entscheiden nicht jeden Fall. Auch die Bedingungen, unter denen Arbeit möglich ist, können wichtig sein. Unter bestimmten Voraussetzungen kann bei teilweiser Erwerbsminderung eine volle Rente wegen der Arbeitsmarktlage infrage kommen. Für einzelne ältere Versicherte gelten zudem besondere Regeln zum Berufsschutz. Die DRV muss den Einzelfall beurteilen.

Welche Versicherungszeiten sind nötig?

Im Regelfall muss die allgemeine Wartezeit von fünf Jahren erfüllt sein. Außerdem müssen in den letzten fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung grundsätzlich drei Jahre mit Pflichtbeiträgen liegen. Ausnahmen und Sonderregelungen sind möglich, etwa bei bestimmten Ursachen der Erwerbsminderung oder besonderen Versicherungsverläufen. Kläre deine Zeiten direkt mit der DRV, statt aus einer Lücke im Versicherungsverlauf selbst auf einen fehlenden Anspruch zu schließen.

Was ist bei ME/CFS für die Beurteilung wichtig?

Beschreibe, welche Aufgaben du regelmäßig und unter üblichen Arbeitsbedingungen bewältigen kannst. Bei ME/CFS kann eine post-exertionelle Malaise (PEM), also eine Verschlechterung nach Belastung, zeitverzögert auftreten. Dadurch kann eine Tätigkeit während eines Termins möglich wirken, obwohl sie nicht verlässlich an mehreren Tagen hintereinander geleistet werden kann. Auch notwendige Pausen, Konzentrationsprobleme oder Beschwerden beim Sitzen und Stehen können für die Darstellung der Leistungsfähigkeit wichtig sein.

Du musst eine Verschlechterung nicht absichtlich auslösen. Eigene kurze Beispiele können ärztliche Befunde ergänzen; sie ersetzen keine medizinische Beurteilung. Ein Pflegegrad oder Grad der Behinderung führt nicht automatisch zu einer Erwerbsminderungsrente, weil diese Verfahren andere Fragen prüfen.

Wie läuft der Antrag ab?

Die Rente muss beantragt werden. Die DRV prüft Versicherungszeiten und medizinische Unterlagen und kann weitere Befunde oder eine Begutachtung veranlassen. Ob eine Rehabilitation geeignet ist, wird im Verfahren ebenfalls geprüft. Gerade bei ME/CFS sollten Belastungsgrenzen und PEM dabei berücksichtigt werden. Das Portal Erwerbsminderungsrente führt zu Informationen über Antrag, Formulare, Begutachtung und Bescheid.

Die Höhe und Dauer einer bewilligten Rente sind eigene Fragen. Die tatsächliche Rentenhöhe lässt sich nicht allein aus dem Pflegegrad, dem GdB oder der Diagnose ableiten.

Der Antrag kann bei der DRV online, schriftlich oder mit Unterstützung einer Auskunfts- und Beratungsstelle gestellt werden. Im Verfahren kann die DRV ärztliche Befundberichte anfordern und eine Begutachtung veranlassen. Am Ende steht ein Bescheid über Bewilligung oder Ablehnung. Der Artikel Höhe der Erwerbsminderungsrente erläutert die Rentenberechnung; Reha vor Rente erklärt die Prüfung einer Rehabilitation.

Welche Unterlagen helfen bei der Darstellung der Einschränkungen?

Mit dem Selbsteinschätzungsbogen R0215 können Betroffene gesundheitliche Einschränkungen aus ihrer Sicht beschreiben. Der Befundbericht S0051 dient der ärztlichen Darstellung von Befunden und Auswirkungen. Konkrete, zutreffende Beispiele aus dem Alltag können beim Gespräch mit Behandelnden helfen, auch zeitverzögerte Belastungsfolgen und Schwankungen zu erfassen. Die Artikel Hinweise zu R0215 und Hinweise zu S0051 gehen darauf näher ein.

Weiterlesen

Quellen

Häufige Fragen

Reicht die Diagnose ME/CFS für eine Erwerbsminderungsrente aus?

Nein. Die DRV prüft das Leistungsvermögen und die Versicherungszeiten im Einzelfall. ME/CFS und mögliche Belastungsfolgen müssen dabei zutreffend medizinisch eingeordnet werden.

Bedeutet ein Pflegegrad automatisch volle Erwerbsminderung?

Nein. Pflegebedürftigkeit und Erwerbsminderung haben unterschiedliche gesetzliche Voraussetzungen. Unterlagen aus einem Verfahren können Informationen liefern, ersetzen die andere Prüfung aber nicht.

Kann ich bei drei bis unter sechs Stunden Leistungsvermögen eine volle Rente bekommen?

Unter bestimmten Voraussetzungen ja. Die DRV erklärt die sogenannte arbeitsmarktbedingte volle Erwerbsminderungsrente; ob sie im Einzelfall infrage kommt, muss geprüft werden.

Weitere Information

[2012] Bundessozialgericht Aktenzeichen B 13 R 107/12 B

Bestehen trotz eines vollschichtigen Leistungsvermögens im konkreten Einzelfall im Hinblick auf Lage, Verteilung, Umfang und Vorhersehbarkeit von zu erwartenden Arbeitsunfähigkeitszeiten ernsthafte Zweifel, ob der Versicherte noch unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarkts in einem Betrieb einsetzbar ist, ist eine Verweisungstätigkeit zu benennen.

[2025] Sozialgericht Nordhausen S 20 R 671/23

Bei Post-Covid-Erkrankungen ist für die Beurteilung der Erwerbsminderung nicht die Diagnose als solche entscheidend, sondern die konkret feststellbaren funktionellen Einschränkungen

Das Fehlen gesicherter medizinischer Erkenntnisse oder eindeutiger labordiagnostischer Nachweise zum Post-Covid-Syndrom steht einer Anerkennung von Leistungseinschränkungen nicht entgegen

[2025] Falsches Gutachten kann Erwerbsminderungsrente verhindern

Tipps, wie man Gutachten in Rahmen der EMR angreifen kann.

Abweichend vom Artikel empfehle ich bereits im Vorfeld eine Selbsteinschätzung zu schreiben und diese beim Antrag mitzuschicken. Das Gutachten kann dann mit der eigenen Selbsteinschätzung verglichen werden.

Urteil: Heilbarkeit steht einer EMR nicht entgegen

Die Behandelbarkeit einer psychischen Erkrankung ist für die Frage, ob eine quantitative Leistungsminderung vorliegt, nicht maßgeblich; sie ist allein für die Befristung bzw. die Dauer einer Rente von Bedeutung.+

Urteil: Homeoffice kein Arbeitsmarkt

Tätigkeiten im Home-Office sind keine Tätigkeiten unter üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes. Das Vorliegen von Erwerbsminderung wegen fehlender Wegefähigkeit kann nicht unter Hinweis auf die Möglichkeit einer Tätigkeit im Home-Office verneint werden. [Entscheidung nur eines Sozialrechtes/erste Instanz]

Urteil: Kriterien für die Wegefähigkeit

Eine Wegefähigkeit liegt vor, wenn der Versicherte vier Mal am Tag Wegstrecken von über 500 m mit zumutbarem Zeitaufwand (also jeweils innerhalb von 20 Minuten) zu Fuß bewältigen und ferner zwei Mal täglich während der Hauptverkehrszeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren kann. Bei der Beurteilung der Mobilität des Versicherten sind alle ihm tatsächlich zur Verfügung stehenden Hilfsmittel (zB Gehstützen) und Beförderungsmöglichkeiten zu berücksichtigen. Dazu gehört zB auch die zumutbare Benutzung eines eigenen Kfz.

[2024] Landessozialgericht NRW, 21 R 215/24

Keine Erwerbsminderungsrente trotz GdB 50 und Pflegegrad 3

[2024] LSG Baden-Württemberg, 18.04.2024 - L 10 R 1319/23

Die Zuerkennung eines Pflegegrades hat für sich gesehen keine Aussagekraft zur Leistungsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

Landessozialgericht NRW, L 8 R 13/22

Entgegen der Auffassung des Klägers belegt auch das Pflegegutachten des MDK den Nachweis einer quantitativen Leistungsminderung nicht. Die Beurteilung der Pflegebedürftigkeit folgt bereits grundsätzlich anderen Kriterien als die Feststellung der Erwerbsminderung. Zudem bauen derartige Gutachten wesentlich auf einer modulbezogenen Anamnese auf, die gerade (nur) an den spezifischen Belangen des Pflegeversicherungsrechts ausgerichtet ist Hinzu tritt, dass die Begutachtungen häufig ohne ärztliche Beteiligung durch Pflegefachkräfte durchgeführt werden und sich weitgehend auf anamnestische Angaben stützen, so dass sie als solche regelmäßig nicht den Vollbeweis für eine Erwerbsminderung zu erbringen vermögen

[2019] Bundessozialgericht 11.12.2019, B 13 R 7/18 R

Eine Summierung ungewöhnlicher Leistungseinschränkungen liegt auch dann vor, wenn mehrere auf den ersten Blick gewöhnliche Leistungseinschränkungen aufgrund einer besonderen Addierungs- und Verstärkungswirkung ernste Zweifel an der Einsetzbarkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt begründen.

[2015] BSG, 17.09.2015 - B 13 R 290/15 B

Der Schwerbehinderteneigenschaft eines Versicherten [kommt] keinerlei Aussagekraft hinsichtlich seiner zumutbaren beruflichen Einsetzbarkeit zu.