Inhaltsverzeichnis

Diagnosekriterien

Während viele andere Krankheiten durch Laboruntersuchungen, Bildgebung oder andere technische Tests nachgewiesen werden können, gibt es diese Möglichkeit der Diagnosestellung für ME/CFS nicht. Bei ME/CFS erfolgt die Diagnosestellung auf Basis der systematischen Erhebung von Symptomen, dem Krankheitsverlauf, der körperlichen Untersuchung und dem gezielten Ausschluss anderer Erkrankungen. Für die abschließende Diagnosestellung kommen Diagnosekriterien zum Einsatz. Ziel dieser Kriterien ist es, die Erkrankung zuverlässig von anderen Krankheitsbildern abzugrenzen und Fehlbehandlungen zu vermeiden.

International werden vor allem drei Diagnosekriterien verwendet:

Alle Fragebögen sind in dem Tool Gesundheitssteckbrief integriert. Der Munich Berlin Symptom Questionnaire (MBSQ) kombiniert in einem Fragebogen den CCC und IOM.

Vergleich der Diagnosekriterien

Kriterium CCC (2003) ICC (2011) IOM (2015)
Name der Erkrankung ME/CFS ME (Myalgische Enzephalomyelitis) SEID / ME/CFS
ICD-Zuordnung G93.3 G93.3 G93.3
Mindestdauer Erwachsene ≥ 6 Monate\Kinder ≥ 3 Monate Keine Mindestdauer ≥ 6 Monate
Funktionelle Einschränkung Erhebliche Reduktion des Aktivitätsniveaus Mindestens ca. 50 % Reduktion gegenüber dem Vorerkrankungsniveau Erhebliche Einschränkung von Alltag, Arbeit, Bildung oder Sozialleben
Zentrales Leitsymptom PEM PENE PEM
Komplexität Mittel Hoch Niedrig
Diagnostischer Ansatz Kombination mehrerer charakteristischer Symptomgruppen (Cluster) Obligatorisches Leitsymptom mit verpflichtender Multisystembeteiligung Reduktion auf wenige zentrale Leitsymptome
Zentraler Einstiegspunkt PEM + Fatigue PENE (obligatorisch) Funktionseinschränkung + PEM
Diagnostische Trennschärfe Hoch Sehr hoch Mittel
Risiko von Fehldiagnosen Niedrig Sehr niedrig Erhöht bei alleiniger Anwendung

Berücksichtige Symptome

Die folgenden Symptome werden von den jeweiligen Diagnosekriterien berücksichtigt:

CCC (2003) ICC (2011) IOM (2015)
Schlafstörungen
Nicht erholsamer Schlaf
Reduzierte Schlafqualität oder -quantität
Gestörter / umgekehrter Tag-Nacht-Rhythmus
Hypersomnie
Häufiges nächtliches Erwachen
Schmerzen
Myalgien
Gelenkschmerzen ohne Entzündung
Wandernde Schmerzen
Neuartige oder migräneartige Kopfschmerzen
Generalisierte Schmerzüberempfindlichkeit
Neurologische / kognitive Manifestationen
Konzentrationsstörungen
Kurzzeitgedächtnisstörungen
Wortfindungsstörungen
Verlangsamte Informationsverarbeitung
Desorientierung / Verwirrtheit
Sensorische Überempfindlichkeit (Licht, Lärm etc.)
Ataxie / Koordinationsstörungen
Muskelschwäche / Muskelzuckungen
Kognitive Überlastbarkeit mit Crashs
Autonome Manifestationen
Orthostatische Intoleranz (OI)
Schwindel / Benommenheit
Präsynkopen / Synkopen
Herzklopfen / Tachykardie
Belastungsdyspnoe / Lufthunger
Gastrointestinale Dysregulation (z. B. Reizdarm)
Blasenfunktionsstörungen / Nykturie
Neuroendokrine Manifestationen
Verlust der Thermostabilität
Subnormale Körpertemperatur
Ausgeprägte Tagesschwankungen der Temperatur
Hitze- oder Kälteintoleranz
Gewichts- oder Appetitveränderungen
Verschlechterung bei Stress
Immunologische Manifestationen
Wiederkehrende Halsschmerzen
Druckschmerzhafte Lymphknoten
Grippeähnliche Symptome
Allgemeines Krankheitsgefühl (Malaise)
Erhöhte Infektanfälligkeit
Überempfindlichkeiten (Nahrung, Medikamente, Chemikalien)

Für die einzelnen Diagnosekriterien müssen nicht alle Symptome vorliegen. Jedes der drei Diagnosekriterien wertet die vorliegenden Symptome unterschiedlich aus.

Veraltete Diagnosekriterien

Holmes-Kriterien

Die Holmes-Kriterien von 1988 (CDC-Definition) stellten den ersten formalen Versuch dar, das Krankheitsbild systematisch zu definieren. Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht gelten sie jedoch als methodisch problematisch und überholt.

Das Krankheitsbild wird falsch als grippeähnliches Erschöpfungssyndrom und noch nicht als Multisystemerkrankung mit Belastungsintoleranz und anhaltender Zustandsverschlechterung nach Aktivität beschrieben. Viele Betroffene, bei denen heute eindeutig ME/CFS diagnostiziert würde, würden die Holmes-Kriterien nicht erfüllen. Die Kriterien verlangen eine große Anzahl gleichzeitig auftretender, überwiegend unspezifischer Symptome. Hierdurch unterschätzen die Holmes-Kriterien vermutlich die Prävalenz der Erkrankung.

Ein wesentlicher Kritikpunkt betrifft zudem die Namensgebung „Chronic Fatigue Syndrome (CFS)”, die mit diesen Kriterien etabliert wurde. Der Begriff reduziert die Erkrankung auf das Symptom Müdigkeit. Dieses Symptom ist unspezifisch und kommt bei vielen anderen Erkrankungen vor, während das krankheitsprägende Kernmerkmal PEM nicht erfasst wird. Diese Bezeichnung hat wesentlich zu Fehlwahrnehmung, Stigmatisierung und Fehlzuordnungen beigetragen.

Kriterien

Fukuda-Kriterien (CDC 1994)

Die Fukuda-Kriterien (CDC 1994) haben über viele Jahre die internationale Forschung geprägt.

Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht gelten sie jedoch als überholt. Als besonders gravierender Schwachpunkt gilt, dass post-exertionelle Malaise (PEM) in den Kriterien nicht zwingendes Symptom gefordert wird. Da außerdem nur ein Teil der möglichen Begleitsymptome erfüllt sein muss (mindestens 4 von insgesamt 8), lassen die Kriterien eine angemessene Trennschärfe vermissen. ME/CFS wird mit den Fukuda-Kriterien unzureichend präzise diagnostiziert.

Dies hat Auswirkungen auf Studien, da inhaltlich sehr uneinheitliche Patientengruppen zusammengefasst werden und Patienten ohne PEM inkludiert wurden. Dies verhindert eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse und schmälert die Validität der Studien.

Paper Fragebogen