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Diagnosekriterien
Viele Krankheiten kann man mit Tests im Labor oder durch Bilder erkennen. Bei ME/CFS geht das nicht. Die Diagnose wird durch die Erhebung der Symptome, den Verlauf der Krankheit, die körperliche Untersuchung und den Ausschluss anderer Krankheiten gestellt. Die Diagnosekriterien helfen dabei, ME/CFS von anderen Krankheiten zu unterscheiden und falsche Behandlungen zu vermeiden.
Weltweit benutzen die Ärzte hauptsächlich drei Diagnosekriterien:
* Canadian Consensus Criteria (CCC, 2003)
Fragebogen
* International Consensus Criteria (ICC, 2011)
Paper + engl. Fragebogen
Inoffizielle Übersetzung des Fragebogens
* IOM-Kriterien (2015)
Paper (Kostenpflichtig) Fragebogen
Alle Fragebögen sind im Tool Gesundheitssteckbrief integriert. Der Munich Berlin Symptom Questionnaire (MBSQ) kombiniert die CCC- und IOM-Kriterien in einem Fragebogen.
Vergleich der Diagnosekriterien
| Kriterium | CCC (2003) | ICC (2011) | IOM (2015) |
|---|---|---|---|
| Name der Erkrankung | ME/CFS | ME (Myalgische Enzephalomyelitis) | SEID / ME/CFS |
| ICD-Zuordnung | G93.3 | G93.3 | G93.3 |
| Mindestdauer | Erwachsene ≥ 6 Monate\Kinder ≥ 3 Monate | Keine Mindestdauer | ≥ 6 Monate |
| Funktionelle Einschränkung | Erhebliche Reduktion des Aktivitätsniveaus | Mindestens ca. 50 % Reduktion gegenüber dem Vorerkrankungsniveau | Erhebliche Einschränkung von Alltag, Arbeit, Bildung oder Sozialleben |
| Zentrales Leitsymptom | PEM | PENE | PEM |
| Komplexität | Mittel | Hoch | Niedrig |
| Diagnostischer Ansatz | Kombination mehrerer charakteristischer Symptomgruppen (Cluster) | Obligatorisches Leitsymptom mit verpflichtender Multisystembeteiligung | Reduktion auf wenige zentrale Leitsymptome |
| Zentraler Einstiegspunkt | PEM + Fatigue | PENE (obligatorisch) | Funktionseinschränkung + PEM |
| Diagnostische Trennschärfe | Hoch | Sehr hoch | Mittel |
| Risiko von Fehldiagnosen | Niedrig | Sehr niedrig | Erhöht bei alleiniger Anwendung |
Berücksichtige Symptome
Diese Symptome sind in den jeweiligen Diagnosekriterien enthalten:
| CCC (2003) | ICC (2011) | IOM (2015) | |
|---|---|---|---|
| Schlafstörungen | |||
| Nicht erholsamer Schlaf | ✔ | ✔ | ✔ |
| Reduzierte Schlafqualität oder -quantität | ✔ | ✔ | ✔ |
| Gestörter / umgekehrter Tag-Nacht-Rhythmus | ✔ | ✔ | – |
| Hypersomnie | ✔ | ✔ | – |
| Häufiges nächtliches Erwachen | ✔ | ✔ | – |
| Schmerzen | |||
| Myalgien | ✔ | ✔ | – |
| Gelenkschmerzen ohne Entzündung | ✔ | ✔ | – |
| Wandernde Schmerzen | ✔ | ✔ | – |
| Neuartige oder migräneartige Kopfschmerzen | ✔ | ✔ | – |
| Generalisierte Schmerzüberempfindlichkeit | – | ✔ | – |
| Neurologische / kognitive Manifestationen | |||
| Konzentrationsstörungen | ✔ | ✔ | ✔ |
| Kurzzeitgedächtnisstörungen | ✔ | ✔ | ✔ |
| Wortfindungsstörungen | ✔ | ✔ | ✔ |
| Verlangsamte Informationsverarbeitung | ✔ | ✔ | ✔ |
| Desorientierung / Verwirrtheit | ✔ | ✔ | – |
| Sensorische Überempfindlichkeit (Licht, Lärm etc.) | ✔ | ✔ | – |
| Ataxie / Koordinationsstörungen | ✔ | ✔ | – |
| Muskelschwäche / Muskelzuckungen | ✔ | ✔ | – |
| Kognitive Überlastbarkeit mit Crashs | ✔ | ✔ | ✔ |
| Autonome Manifestationen | |||
| Orthostatische Intoleranz (OI) | ✔ | ✔ | ✔ |
| Schwindel / Benommenheit | ✔ | ✔ | – |
| Präsynkopen / Synkopen | ✔ | ✔ | – |
| Herzklopfen / Tachykardie | ✔ | ✔ | – |
| Belastungsdyspnoe / Lufthunger | ✔ | ✔ | – |
| Gastrointestinale Dysregulation (z. B. Reizdarm) | ✔ | ✔ | – |
| Blasenfunktionsstörungen / Nykturie | ✔ | ✔ | – |
| Neuroendokrine Manifestationen | |||
| Verlust der Thermostabilität | ✔ | ✔ | – |
| Subnormale Körpertemperatur | ✔ | ✔ | – |
| Ausgeprägte Tagesschwankungen der Temperatur | ✔ | ✔ | – |
| Hitze- oder Kälteintoleranz | ✔ | ✔ | – |
| Gewichts- oder Appetitveränderungen | ✔ | ✔ | – |
| Verschlechterung bei Stress | ✔ | ✔ | – |
| Immunologische Manifestationen | |||
| Wiederkehrende Halsschmerzen | ✔ | ✔ | – |
| Druckschmerzhafte Lymphknoten | ✔ | ✔ | – |
| Grippeähnliche Symptome | ✔ | ✔ | – |
| Allgemeines Krankheitsgefühl (Malaise) | ✔ | ✔ | – |
| Erhöhte Infektanfälligkeit | – | ✔ | – |
| Überempfindlichkeiten (Nahrung, Medikamente, Chemikalien) | ✔ | ✔ | – |
Nicht alle Symptome müssen für die Diagnose vorhanden sein. Jedes der drei Kriterien wertet die Symptome unterschiedlich.
Veraltete Diagnosekriterien
Holmes-Kriterien
Die Holmes-Kriterien von 1988 waren der erste Versuch, die Krankheit genau zu definieren. Heute gelten sie als veraltet. Die Kriterien beschreiben die Krankheit als grippeähnlich und nicht als eine Erkrankung, die viele Systeme betrifft. Viele Menschen, die heute mit ME/CFS diagnostiziert werden, passen nicht zu diesen Kriterien. Die Holmes-Kriterien verlangen viele unspezifische Symptome. Dadurch wird die Häufigkeit der Krankheit wahrscheinlich unterschätzt.
Ein großer Kritikpunkt ist die Bezeichnung „Chronic Fatigue Syndrome (CFS)”. Dieser Name reduziert die Krankheit auf Müdigkeit. Müdigkeit ist jedoch unspezifisch und kommt bei vielen anderen Krankheiten vor. Ein zentrales Merkmal, PEM, wird nicht erfasst. Diese Bezeichnung führt zu Missverständnissen und Stigmatisierung.
Fukuda-Kriterien (CDC 1994)
Die Fukuda-Kriterien (CDC 1994) waren lange Zeit wichtig in der Forschung.
Heute gelten sie als veraltet. Ein großes Problem ist, dass PEM in den Kriterien nicht gefordert wird. Zudem müssen nur einige Symptome erfüllt sein (mindestens 4 von 8). Dadurch wird ME/CFS nicht genau genug diagnostiziert.
Das hat Folgen für Studien, weil inhomogene Patientengruppen zusammengefasst wurden. Dies verringert die Vergleichbarkeit der Ergebnisse und die Zuverlässigkeit der Studien.
